Verden: Burn Rathaus Burn!

kopiert aus dem Weser Kurier

Mann setzt Verdener Rathaus in Brand Racheakt gegen Verwaltung

Ein 47-jähriger Mann aus Verden hat am Sonntagmorgen das Verdener Rathaus in Brand gesetzt. Er fuhr gegen 8 Uhr mit einem Pkw in den verglasten Eingangsbereich des Verwaltungsgebäudes.

Entsetzen auf der einen Seite, Erleichterung auf der anderen. Ein 47-jähriger Mann aus Verden hat am Sonntagmorgen das Verdener Rathaus in der Ritterstraße (Neubau) in Brand gesetzt. Er fuhr gegen 8 Uhr mit seinem Auto, einem 5er-BMW Kombi, in den verglasten Eingangsbereich des Verwaltungsgebäudes. Dann zündete er das Auto mit einem Brandbeschleuniger an. In dem Wagen befand sich eine große Camping-Gasflasche, die allerdings trotz der Hitze der Flammen nicht explodierte. Durch das Sicherheitsventil entwich das Gas kontrolliert und fackelte ab. Es wurde niemand verletzt. Und auch einen Terroranschlag schließt die Polizei komplett aus.

Punkt 8.04 Uhr wurden die Leitstellen von Polizei und Feuerwehr alarmiert. Rund 100 Einsatzkräfte trafen kurze Zeit später zeitgleich am Rathaus ein. „Wir haben von der Lindhooper Straße schon eine riesige Rauchwolke über der Innenstadt gesehen und die Feuerwehren Eitze und Hönisch-Hutbergen nachalarmiert“, sagte Feuerwehrsprecher Dennis Köhler. Am Einsatzort stand der Wagen des Verdeners voll in Flammen, auch das Foyer des Rathauses brannte.

Laut Polizeisprecher Helge Cassens war die Hitze so stark, dass der Putz von den Wänden platzte. Das Feuer war teilweise auch auf die Räume im ersten Stock übergegangen. Die Einsatzkräfte löschten zunächst das Feuer und zogen dann den Wagen aus dem Eingangsbereich. Draußen erstickten sie die restlichen Flammen an dem Auto, von dem nur ein qualmendes Wrack übrig blieb. Nach etwa 20 Minuten war das Feuer gelöscht.

Notbetrieb wird ab Montag organisiert

Unklar ist zurzeit noch, welche Schäden am Rathause entstanden sind. Zwar konnte die Feuerwehr das „halb verrauchte Gebäude“ (Köhler) nach dem Löschen lüften und mit dem Durchzug den ärgsten Rauch entweichen lassen. „Aber in dem Wagen ist viel Plastik verbrannt, das sehr stark gerußt hat. Dieser Ruß hat sich überall verteilt“, sagte der Feuerwehrsprecher. Auch die Stützstreben im Foyer seien durch den Aufprall beschädigt worden.

Bürgermeister Lutz Brockmann (SPD), der sich am Morgen nach der Benachrichtigung aus der Leitstelle auf sein Fahrrad schwang und zum Tatort fuhr, sagte dem WESER-KURIER: „Ich bin froh, dass es keine Verletzten gegeben hat und auch darüber, dass das Alte Rathaus nichts abbekommen hat.“ Brockmann dankte den Einsatzkräften von Polizei und Feuerwehr für ihren schnellen und professionellen Einsatz: „Was die hier heute Morgen gemacht haben und noch immer machen, das ist einfach wunderbar.“

An die Bevölkerung appellierte der Verdener Bürgermeister, sich in den kommenden Tagen wirklich nur mit den dringendsten Anliegen an das Rathaus zu wenden: „Wir müssen jetzt erst einmal untersuchen, welche Büros vom Brand in Mitleidenschaft gezogen worden sind und welche Büros wir noch nutzen können. Das wird sicher einige Zeit dauern.“ Man werde am Montag damit beginnen, einen Notbetrieb zu organisieren. Wer unaufschiebbare Anliegen an die Stadtverwaltung habe, solle sich im Alten Rathausmelden, so der Bürgermeister. Ratsvorsitzende Gunda Schmidtke informierte die anderen Ratsmitglieder um 10.34 Uhr über den Vorfall.

Schaden bei rund einer Million Euro

Der 47-jährige Täter ließ sich noch am Tatort widerstandslos von der Polizei festnehmen. „Er stand neben dem brennenden Wagen und sagte: Ich war das“, so Polizeisprecher Cassens. Er habe der Stadtverwaltung Schaden zufügen, aber niemand verletzen wollen. Nach vorsichtigen Schätzungen der Experten liegt der Schaden bei rund einer Million Euro. Das Motiv ist noch unklar. „Einen Terroranschlag schließen wir aus“, sagte Polizeisprecher Marcus Neumann am Sonntagmorgen. Vermutlich richtete sich der Angriff gegen die Behörde. Die Motivlage liege „nach bisherigen Ermittlungen eher im persönlichen Bereich“. Unbestätigten Angaben zufolge soll der Mann wegen einer nicht erteilten Baugenehmigung „stinksauer auf die Verwaltung“ gewesen sein. Er wird noch an diesem Montag dem Haftrichter vorgeführt.

Nach den bisherigen Erkenntnissen war der Täter offenbar ganz gezielt in das Glasfoyer des neuen Rathauses gefahren. Ein Passant vor Ort sagte: „Das kann kein Unfall gewesen sein, so wie das Auto da reingefahren ist.“ Warum sich der Täter für seine mutmaßliche Absicht, das Rathausin Brand zu stecken, nicht das geschichtsträchtige Alte Rathaus in Verden ausgesucht hatte, dafür hat Bürgermeister Lutz Brockmann eine einfache Erklärung: „Da wäre er mit seinem Vorhaben gescheitert, weil vor dem Eingangsbereich eine große Treppe ist.“

Den ganzen Tag über standen Passanten vor den rot-weißen Polizei-Absperrbändern und rätselten über das Motiv des mutmaßlichen Täters. Zu sehen gab es nichts mehr, denn die Ritterstraße war an beiden Enden abgesperrt und mit Sichtschutzplanen verhängt. Zusätzlich sorgte eine Sicherheitsfirma dafür, dass sich niemand Unbefugtes dem Tatort näherte. Ein junger Mann, der mit seiner Frau und seinem Kind bei einer Tasse Kaffee an einem Tisch draußen im Restaurant La Piazza saß, meinte: „Ein Terroranschlag kann es ja allein schon deswegen nicht gewesen sein, weil hier ja morgens um acht keine Leute sind.“ Und weiter: „Der muss wohl irgendeinen Frust mit der Behörde gehabt haben.“

Gegen Mittag trafen bereits die ersten Mitarbeiter von Handwerksbetrieben ein, unter anderem die des Dachdeckerbetriebs Püllmann, die den beschädigten Eingang mit Schalbrettern vernageln sollten. „Jetzt können wir bald losgehen“, sagte ein Mitarbeiter kurz vor 14 Uhr. Bürgermeister Lutz Brockmann sagte: „Da geht es jetzt erst einmal um die Gebäudesicherung.“ Auch ein Vertreter des städtischen Versicherers sei bereits da gewesen, um sich von dem entstandenen Schaden ein Bild zu machen.

Darüber hinaus erschienen zwei Beamte in einem Zivilfahrzeug mit Blaulicht und einem hannoverschen Autokennzeichen in den Mittagsstunden am Tatort. Auf die Frage, ob es sich dabei um Mitarbeiter des Landeskriminalamtes handele, die vielleicht doch in Richtung Terror ermittelten, entgegnete der stellvertretende Polizeisprecher Marcus Neumann: „Das sind Beamte des Kriminaldauerdienstes aus Hannover, die mit einem 3-D-Scanner dreidimensionale Bilder vom Tatort erstellen.“

Alles stehen und liegen gelassen hat auch Rüdiger Nodorp, Fachbereichsleiter für Sicherheit und Ordnung im Rathaus, als er von dem Vorfall am frühen Sonntagmorgen erfuhr. Er sei bereits um kurz nach 8 Uhr am Rathaus gewesen. Für die nächsten Tage müsse die Verwaltung versuchen, den Betrieb so gut wie möglich aufrechtzuerhalten. Am Montagmorgen sei für alle erstmal Arbeitsbeginn im Ratssaal. „Klar ist, dass wir zunächst mit Einschränkungen leben müssen.“

kopiert aus dem Weser-Kurier