Postskriptum zum Privileg der Ignoranz

vorausgegangene Beiträge:
- Demoaufruf: Take back the night! Wir holen uns die Nacht zurück.
- Das Privileg der Ignoranz

Tatsächlich wirft der Satz »›Ich sehe mich nicht als Cis-Mann‹, als Einwand eines Cis-Mannes […]« ein Problem auf, und alleine deshalb schon ist der Text kostbar. »Es geht um Selbst-Ermächtigung. Begreift das doch mal als EINgrenzung.« Das heißt, die Ausgrenzung entsteht in einer als notwendig erscheinenden Territorialisierung, einer Falte unseres Werdens. Aber von was grenzen wir uns darin ab, um es zu deterritorialisieren, infizieren, fortzureißen? Der Begriff des Cis-Mannes ist hier tatsächlich wichtig und wertvoll, als herrschaftlicher Term der herrschaftlichen Doppelzange des Cis-Gender-Zweierlei. Wenn wir Cis-Männer ausschließen, dann auch um Cis-Frauen in einer Territorialisierung, die sich von Cis-Männern abgrenzt, vielleicht darin leichter ein Bewusstsein aufkommen zu lassen, dass sie etwas anderes werden können als zweiter, sekundärer Term eines Zwei-Gender-Paradigmas, dass sie etwas anderes werden können als Frau, immer schon werden, dass diese Fluchtlinien durch etwas abgewürgt werden, was nicht natürlich ist, sondern bestimmend und bestimmt. Wenn es uns notwendig scheint, dann werden wir jemandem, der als Cis-Mann daherkommt, auch wenn er sagt »Ich sehe mich nicht als Cis-Mann«, deutlich machen, dass wir ihn dort nicht wollen, wie wir auch Rassist_innen, selbst wenn sie sagen, sie sähen sich nicht als solche, sagen: »Ihr seid Rassist_innen, wir wollen euch hier nicht.« Aber das erfordert Sensibilität, Aufmerksamkeit, Genauigkeit. Und leider ist davon im Text nicht viel zu spüren. Der vermeintliche Cis-Mann taucht dort auf wie eine Pappfigur. Wir wissen nichts über den Menschen, der da sagt: »Ich sehe mich nicht als Cis-Mann.« Was lässt uns zu dem Schluss kommen, dass er trotzdem einer ist? Wir sollten vorsichtig sein, in unserem Kämpfen nicht etwas, was wir bekämpfen, zu reproduzieren, weil wir nicht genauer sind, als jemand, der sagt: »Guck mal, da in dem Auto, da sitzt ’ne richtige Tunte. Lange Haare, Nagellack und so – aber ist ein Mann.«


3 Antworten auf „Postskriptum zum Privileg der Ignoranz“


  1. 1 Jürgen 20. Mai 2017 um 15:35 Uhr

    „Wir sollten vorsichtig sein, in unserem Kämpfen nicht etwas, was wir bekämpfen, zu reproduzieren[…]“

    Bingo. Aber warum werden dann Rassist*innen zum Vergleich herangezogen, wenn es um Cis Männer geht? Ich finde es vollkommen legitim Cis-Männer mit guter Begründung von bestimmten Veranstaltungen auszuschließen. Das Patriarchat und (männliche) Herrschaftsstrukturen müssen immer und überall bekämpft werden. Und deshalb finde ich es Kontraproduktiv in Texten pauschales Cis-Männer bashing zu betreiben. Ihr schreibt von „dem“ Cis-Mann. Ihr suggeriert indirekt Cis-Männer würden sich nicht kritisch mit Gender Fragen und Machtstrukturen auseinandersetzen.

    Aus dem Ursprünglichen Text:

    „sekundieren liebe, tolle, sich selbst als feministisch begreifende Frauen*…“

    Dieser anmaßende Ton zieht sich in eurem -absolut nicht kostbaren- Text durch wie ein roter Faden. Erklärt ihr jetzt wer Feminist*in sein darf und wer nicht?

  2. 2 Kalla 21. Mai 2017 um 15:12 Uhr

    Jürgen, die Autor*innen der beiden Texte sind doch offensichtlich unterschiedliche.

  3. 3 Jürgen 23. Mai 2017 um 21:34 Uhr

    @Kalla

    Autsch du hast recht, da hatte ich wohl ein Riesenbrett vor dem Kopf! Irgendwie dachte ich es sei eine Ergänzung derselben Autor*innen, was bei genauerem hinschauen so gar keinen Sinn mehr macht. Das tut mir leid!

    Dann ist mein 1. Kommentar hier unfair und unangebracht, weil sich meine Kritik hauptsächlich an den „Privileg der Ignoranz“ Text gerichtet hat. (http://endofroad.blogsport.de/2017/05/04/das-privileg-der-ignoranz/)

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