„Fankurve wird nazifrei“

kopiert aus der taz

Wie offen nach rechts sind die Fußballfans, die im Stadion durch Choreografien, Gesang und Feuerwerk auffallen? Und war das immer schon so? Eine Erkundung bei Werder Bremen

Es ging alles ganz schnell. Irgendjemand schrie plötzlich: „Ey, die Hools kommen!“ Eine lange und breite Treppe führt runter zu den Toren des Weserstadions. Aus der Nacht kommen zwei Dutzend Männer die Stufen herunter, sie marschieren zur Ostkurve, gehen zügig, aber nicht hastig. Sie sehen aufgepumpt aus, haben breite Schultern, kahl rasierte Köpfe, tragen schwarze Kleidung. Es sind nicht mehr als 25 Männer, aber sie sehen aus wie doppelt so viele, wirken wie eine Einheit.

Es ist nach Mitternacht. Im Weserstadion, genauer: im Ostkurvensaal des Fanprojekts, findet die Geburtstagsfeier der Ultra-Gruppierung Racaille Verte statt. Vor einem Jahr hat sich die Gruppe in klarer Abgrenzung zu rechten Fans und Hooligans als antirassistisch gegründet. Die Gäste auf der Party sind jung, die meisten sind zwischen 16 und 23 Jahre alt, ein paar noch jünger. Sie sind gut gelaunt, Musik läuft, Alkohol fließt. Einige stehen vor dem Ostkurvensaal. Sie sehen die Hooligans als erste. Als sie den Trupp die Treppe herunterlaufen sehen, eilen sie nach drinnen, um die anderen zu warnen.

Die Botschaft des Überfalls

An der Tür gibt es Streit. Ein paar Ältere versuchen zu schlichten, wollen die Hooligans besänftigen. Vergeblich. Die Nazihools beginnen die Partygäste zu schubsen und stürmen schließlich in den Ostkurvensaal. Ein paar Momente später geht die Musik aus. Niemand außer den Nazihools sagt etwas. Sie schreien. Rufen nach bestimmten Personen. Die, die sie finden, packen sie sich, prügeln und treten auf sie ein. Ihre Opfer sind vor allem die Älteren. Es sind die, die sich zuvor antirassistisch genannt hatten. Die anderen Partygäste stehen da wie gelähmt. Sie sind meist jünger. Die Botschaft der Schläge, Tritte und Demütigungen durch die Hooligans geht auch an sie: Wer sich in der Ostkurve antirassistisch positioniert, wird vernichtet.

Alle verstehen, was passiert. Obwohl 150 Leute vor Ort sind, rührt sich kaum jemand. Nachdem die Hooligans genügend Leute zusammengeprügelt haben, gehen sie wieder. Genauso schnell, wie sie gekommen sind. Nach ein paar Minuten ist alles vorbei. Zwei Schwerverletzte und vierzig Leichtverletzte bleiben zurück, auch alle anderen sind traumatisiert und sprachlos. Kurz darauf rücken Krankenwagen und Polizei an, eine Anzeige gibt keiner auf.

Der Überfall auf den Ostkurvensaal im Januar 2007 durch Neonazi-Hooligans ist der zentrale Moment in der Entwicklung von Werders heutiger Fanszene. Er ist der Wendepunkt in einem Kampf um die Vorherrschaft auf den Stehplätzen. In Bremens Kurve hatte sich ein Konflikt entwickelt, der sich zwischen jüngeren, antifaschistischen Ultras und älteren, rechten Hooligans abspielte. Werders Fanszene befindet sich seitdem im Umbruch – immer weniger junge Fans haben Lust auf rechte Parolen, Sprüche und Gewalt im Stadion.

Die ersten Schritte hin zu diesem Umbruch hatte 2002 bereits die Fan-Gruppierung Cercle d’Amis (CDA) gemacht. Traditionelle Fußballfans, Ultras, organisierte AntifaschistInnen, SprayerInnen und erlebnisorientierte KifferInnen mit Kontakten zu St. Paulis Fanszene beneideten ihre FreundInnen am Millerntor dafür, dass sie sich im Stadion politisch äußern können, und gründeten Bremens erste antifaschistische Ultra-Gruppierung. Übersetzt heißt „Cercle d’Amis“Freundeskreis. Zu Beginn bestand der aus nicht mehr als zwölf Personen. Zu den Heimspielen kam der CDA geschlossen, um gegenseitig auf sich aufzupassen. Schließlich standen ein paar Meter weiter in der Ostkurve die rechten Hooligans, denn Übergänge von den Hools zu den sich damals unpolitisch gerierenden Ultras waren fließend.

„Unpolitische“ Eastside

Die Eastside, Werders einzige große Ultra-Gruppierung zu dieser Zeit, hat sich selbst stets als unpolitisch definiert. Was das bedeutete, bestimmten die Hools: „Fußball ist Fußball und Politik ist Politik“, sagten sie und das hieß: Rechte Hooligans genossen in der Kurve Narrenfreiheit. Vor dem CDA gab es nur vereinzelte Gegenstimmen, wenn die Mitglieder der rechten Hooligan-Gruppen „Standarte 88“ und „City Warriors“ Lieder wie „Schwarz-weiß-blau, Juden-HSV!“ sangen, Hitlergrüße machten und dunkelhäutige Spieler mit Urwaldgeräuschen diskriminierten.

Es waren gestandene Neonazi-Kader, die die rechten Hools anführten. Personen wie Henrik Ostendorf, der dem Verfassungsschutz lange Zeit als „Drahtzieher im internationalen Netzwerk zwischen NPD, NS-Skin-Milieu und der Hooliganszene“ galt oder dessen Bruder Hannes Ostendorf, der später die bundesweite rechte Hogesa-Bewegung („Hooligans gegen Salafisten“) mitgründete und mit seiner Band Kategorie C den neonazistischen Soundtrack zu rechter Gewalt liefert. Bremens rechte Hooligans waren und sind bundesweit berüchtigt, sie sollen es etwa gewesen sein, die beim Länderspiel Deutschland gegen Polen 1996 im nur 30 Kilometer von Auschwitz entfernten Zabrze ein Banner mit „Schindler-Juden wir grüßen Euch!“ entrollten. Die Neonazis zeigen den Hitlergruß bei der Nationalhymne und stimmten „Auschwitz“-Sprechchöre an. CNN berichtet weltweit über die antisemitischen Ausfälle.

Im Weserstadion trauten sich nur wenige, es offen zu thematisieren, aber die jüngeren Ultras wollten die Rechtsoffenheit der Eastside nicht mehr mittragen und im Stadion neben Nazi-Hooligans stehen. Der Cercle d’Amis hatte es vorgemacht, sie wollten es nachmachen. Es dauerte dennoch drei Jahre, bis sich die Eastside 2005 auflöste – vordergründig aufgrund von persönlichen Differenzen.

Svenno*, ehemaliges Eastside-Mitglied und sich heute als antifaschistisch verstehender Ultra, sagt jedoch: „Rückblickend war die Auflösung auf jeden Fall politisch. Da wurde sich damals hart in die Tasche gelogen, weil es war gefährlich war, das so klar zu äußern.“ Nach der Auflösung gründeten sich drei Folgegruppen, die antirassistischen Infamous Youth und Racaille Verte sowie die unpolitisch bis rechtsoffenen Rolands Erben.

Durch die Auflösung der Eastside hatten die Nazi-Hools ihren Führungsanspruch, aber auch ihr vermeintlich unpolitisches Rekrutierungsfeld Eastside verloren. Die junge linken Ultras hat ihre Vormachtstellung durchbrochen. In Folge mussten sie Übergriffe durch die schlagkräftigen Nazi-Hooligans fürchten. Svenno sagt: „Wir hatten permanent Angst. Die Hools waren damals Mitte 30 – in ihren besten Hauerjahren. Krass aufgepumpte Leute, tätowiert bis zum Gehtnichtmehr.“

Rund ein Jahr später kam der Angriff auf den Ostkurvensaal. Er zeigte zunächst die Wirkung, die sich die Nazihools erhofft hatten. Jasper*, damals noch relativ neu bei den linken Ultras, war beim Überfall dabei, er sagt: „Wir wussten lange danach nicht, was wir machen sollten. Viele waren komplett traumatisiert.“ Das Bremer Fan-Projekt schlug zunächst einen runden Tisch mit den führenden Köpfen der Neonazis und deren Opfern vor.

„Mediation mit denen, die dir aufs Maul gehauen haben“, sagt Jasper. „Das hat die jahrelange Passivität des Fanprojekts gegenüber rechts sehr deutlich illustriert: die Probleme mit Drüberreden lösen, Burgfrieden wahren, wegschauen. Es hat einen Grund, warum Kategorie C im Fanprojekt ein Konzert geben durfte.“

Auch Svenno erinnert sich noch gut an die Zeit nach dem traumatischen Überfall: „Wir wussten ewig nicht weiter“, sagt er, „bis irgendjemand von uns gesagt hat: Genau das wollen sie doch. Dass wir eingeschüchtert sind. Wir müssen uns wehren und zwar alle zusammen!“

Auch das Fanprojekt hatte den jungen Fans mittlerweile zu Anzeigen geraten, ebenso versuchte der Verein, die Fans zu polizeilichen Aussagen zu überreden. Drei Monate hat es gedauert, bis sich die Ultras zu Aussagen durchrangen. Um möglichst breit aufgestellt zu sein, zeigen sie mit fast fünfzig Personen die Nazihools an.

„Don’t talk to cops – sprich nicht mit der Polizei!“, lautet eine der ungeschriebenen Regeln der Fanszene. „Es war ein Tabubruch. Mit Anzeigen hatten die Hools nicht gerechnet“, sagt Svenno, „viele befürchteten danach, dass die Hools noch ein paar Gänge hochschalteten. Aber trotzdem haben viele von uns gesagt, wir müssen uns einfach noch deutlicher positionieren und alle ins Boot holen: das Fanprojekt, den Verein, die Bremer Öffentlichkeit.“ Durch die öffentliche Positionierung der Ultras, des Vereins und des Fanprojekts wurde deutlich, dass der Überfall auf den Ostkurvensaal keine Auseinandersetzung zwischen Fußballfans war, sondern politische Gewalt.

In der Folge gründete der Verein eine Anti-Diskriminierungs-AG, das Fanprojekt hörte auf, die Augen bei rechtsradikalen Thor-Steinar-Klamotten zuzudrücken. Svenno sagt: „Der Überfall auf den Ostkurvensaal hat das Gegenteil von dem bewirkt, was die Nazi-Hooligans damit bezwecken wollten. Es war der engültige Bruch.“

Danach kamen auch vermeintlich unpolitische Ultras in Erklärungsnot, die vor dem Überfall kein Problem damit hatten, mit den Hools Hände zu schütteln und saufen zu gehen. Ultra und Hooligan ging nicht mehr gleichzeitig. Dass der Prozess um den Überfall erst vier Jahre später begann und zu einem Skandalverfahren wurde, das die Bremer Justiz erst verschleppte, dann doch als vermeintlich gewöhnliche Gewalt unter Fußballfans verharmloste und mit milden Geldstrafen ahndete, konnte diesen Prozess nicht rückgängig machen.

Wie es seitdem in Werders Kurve ist, zeigt am besten ein Vorfall in Bochum. Nach dem Abpfiff beim Auswärtsspiel 2008 entrollte der rechte Hooligan-Nachwuchs von „Nordsturm Brema“ ein Banner, auf dem „NS-HB“ stand, zusammen mit einem brennenden Totenschädel. Andere Werder-Fans entrissen den Nazi-Hools das Banner, es kam zu Auseinandersetzungen. Als der übrige Gästeblock und die weiter unten stehenden Ultras das mitbekamen, riefen sie: „Nazis raus!“ Die Bochum-Fans stimmten ein, bis das ganze Stadion „Nazis raus!“ skandierte. Die Hooligans mussten von der Polizei gerettet werden, sie wurden unter Pfiffen und Bierduschen über das Spielfeld eskortiert.

*Namen geändert

Quelle: taz.de

siehe auch
taz.de: „Wir würden Rechte niemals dulden“
Weser Kurier: „Ein offenes und positives Klima in der Kurve“


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