Einladung zum 10. feministischen Bildungs- und Diskussionstreffen

Moderne Misogynie der „neuen Rechten“ am Beispiel des Front Nationalin Frankreich

Freitag, 30. Juni 2017 | 18 Uhr | Kulturhaus Pusdorf (Woltmershauser Straße 444)

Seit 2011 wird Frankreichs bedeutendste rechtsextreme Partei von einer Frau geführt. Marine Le Pen löste ihren Vater und den Parteibegründer des /Front National/, Jean-Marie Le Pen, ab. Seither sprechen einige Medien von einem „neuen“ /Front National/, da der Übergang von Vater zu Tochter einen Geschlechter-, Ideologie- und Generationenwechsel mit sich trägt. Marine Le Pen ist darum bemüht, wie auch andere europäische rechtsextrem oder rechtspopulistische Parteien, neue Wählergruppen zu erschließen. Dabei fokussiert sie sich insbesondere auf Arbeiter*innen, Jud*innen und weiße Frauen, indem sie versucht, sie dem Islam und Muslim*innen gegenüberzustellen und diese so zu diskreditieren.

Le Pen nennt sich selbst eine „moderne Frau“, sie bezeichnet sich selbst jedoch nicht als Feministin. Indem sie ihr „Frausein“ auf ihrer Homepage in verschiedener Art und Weise hervorhebt, inszeniert sie ein bestimmtes Frauenbild, welches gleichzeitig beruflich als Anwältin und Politikerin erfolgreich sein, als auch als alleinerziehende Mutter dreier Kinder mit zwei geschieden Ehen Verantwortung und Fürsorglichkeit ausstrahlen kann. Sie erhält in den Medien oft den Beinamen „Mutter der Nation“ und setzt sich, und nicht ihre Partei bei den Präsidentschaftswahlen in Szene und glänzt bei ihren Anhänger*innen durch „Nähe“ zum Volk, in dem sie bspw. nur noch ihren Vornamen auf Dokumenten abdrucken lässt. Durch ihre Biographie, ihre Selbstinszenierung und ihre vermeintliche Nähe „zum Volk“ und die Betonung des Verständnisses der Doppelbelastung, Familie und Beruf zu vereinen, spricht sie eine neue weiße, vor allem weibliche Wählerschaft an, die ihr Vater nicht für sich gewinnen konnte. Dabei fehlt es der Partei an einer Frauen- bzw. Gleichstellungspolitik, die von Marine Le Pen und ihrer Partei unterstützten Werte sind die Nation und die Familie. Frauen werden von der Partei auf ihre reproduktiven Fähigkeiten reduziert und es scheint „modern“ und „tough“ zu sein, wenn es einer Frau gelingt, so wie auch Le Pen gleichzeitig erfolgreich erwerbstätig zu sein. Die Gleichstellung der Geschlechter ist kein Thema für die Partei. Zusätzlich waren große Teile der Partei u.a. bei den Protesten „Manif pour tous“ dabei, bei der im Mai 2013 fast eine Million Demonstant*innen gegen die Öffnung der Ehe für homosexuelle Paare in Frankreich teilnahmen. Auch Le Pens Parteikolleg*innen im Europarlament haben beispielsweise dem 2015 verabschiedeten Noichl-Bericht zur Gleichstellung von Frauen und Männern in u.a. den Bereichen Bildung und Gesundheit abgelehnt.

Der Vortrag zielt darauf auf, mit besonderem Augenmerk auf den Front National, moderne antifeministische Strömungen in Frankreich zu besprechen. Dabei wird versucht, mit einer Zeitleiste aktuelle, antifeministische Taten und Widerstände in Hinblick auf den Versuch auf die Gleichstellung der Geschlechter in Frankreich aufzuzeigen. Gleichzeitig wird Marine Le Pens Person in den Fokus geraten, und dargestellt, wie sie von der zweiten Frauenbewegung profitiert, um ein vermeintlich emanzipiertes, weibliches Rollenbild verkörpern und u.a. dadurch mehr und mehr Wählerstimmen für sich gewinnen zu können.

Mit den monatlichen Bildungs- und Austauschtreffen möchten wir einen Raum schaffen, in dem Frauen* sich gemeinsam bilden, empowern und über Perspektiven einer revolutionären Frauen*bewegung diskutieren können. Inhaltlich wollen wir uns insbesondere mit der kurdischen Frauen*befreiungsbewegung und einzelnen ihrer theoretischen und praktischen Entwicklungen beschäftigen. Darüber hinaus halten wir eine Auseinandersetzung mit der historischen Entwicklung des Patriarchats sowie feministischer Widerstandsgeschichte für wichtig ebenso wie eine Diskussion aktueller feministischer Praxen und Perspektiven.

Aus: Hentges, Gudrun & Nottbohm, Kristina (2017): Die Verbindung von Antifeminismus und Europakritik. Positionen der Parteien „Alternative für Deutschland“ und „Front National“, in: Hentges, G. & Nottbohm, K. (Hrsg): Europa – Politik – Gesellschaft – Europäische Identität in der Krise? Europäische Identitätsforschung und Rechtspopulismusforschung im Dialog. Wiesbaden: Springer, 167-208Moderne Misogynie der „neuen Rechten“ am Beispiel des /Front National/ in Frankreich