„Wollepark in Delmenhorst: eine AfD-Hochburg“

kopiert aus dem Weser Kurier

Im Wollepark in Delmenhorst hat fast jeder Vierte die Alternative für Deutschland gewählt. Warum die Partei ausgerechnet in diesem Viertel punkten konnte, wissen die Bewohner.


Auf den Balkonen der Wohnblocks im Wollepark trocknen die Bewohner ihre Wäsche.

Bei Nieselregen sieht der Wollepark in Delmenhorst noch grauer aus. Vereinzelt leuchten bunte Sonnenschirme auf den Balkonen der Wohnblocks. Hier im sozialen Brennpunkt der Stadt unweit des Bahnhofs hat fast jeder Vierte die Alternative für Deutschland (AfD) gewählt. Nirgendwo sonst in der 80.000-Einwohner-Stadt vor den Toren Bremens war die Wahlbeteiligung mit 28 Prozent bei der Landtagswahl niedriger. Aber warum ist das so? Wer die Bewohner fragt, trifft auf eine schwierige Gemengelage. Hier leben alte und neue Flüchtlinge Tür an Tür. Kasachen treffen auf Serben, Serben auf Syrer. Bei 90 Prozent Ausländeranteil und 38 Nationalitäten im Quartier sind Deutsche rar, wenn überhaupt trifft man Russlanddeutsche. Die Arbeitslosigkeit ist so groß wie der Andrang auf die Integrationskurse im Nachbarschaftstreff.

Mohammad Kinj (35) kommt gerade mit seiner Familie von einer Wohnungsbesichtigung aus dem Block gegenüber. Er zeigt auf den Balkon hoch über der Baumkrone. Der Maschinenbauingenieur aus Damaskus freut sich, dass er für sich und seine ­Familie eine neue Bleibe gefunden hat. „Bei uns herrscht Krieg, wir wollen nur Frieden“, sagt er und schaut auf seine Frau und die drei Kinder. Das Jüngste ist erst ein paar Wochen alt und in Deutschland geboren. „In meiner Heimat haben wir eine Diktatur“, sagt der Syrer und setzt seine ganze Hoffnung in die Demokratie. Dass diese auch rechte ­Parteien wie die AfD hervorbringt, hat er gehört. Dass die AfD ausgerechnet in seinem neuen Quartier fast 25 Prozent holen konnte, weiß er nicht.

Bewohnervertreterin ärgert sich über „die Neuen“

Zwei Blocks weiter wohnt ein anderer Mohamad. Dieser schreibt sich mit einem M, heißt mit Nachnamen Nahouli und wohnt seit elf Jahren im Wollepark. Der 17-Jährige ist das Kind libanesischer Eltern, die in den 1980er-Jahren nach Deutschland kamen, und er hat Pläne. Noch sei er an der Berufsschule, danach wolle er ­Mechatroniker werden und schließlich ­Maschinenbau studieren. Er habe gute Noten, versichert er, und offenbar interessiert er sich für Politik: „Bundeskanzlerin ­Angela Merkel hat die Lage im Griff. Sie hilft den Flüchtlingen, aber sie vergisst die anderen.“ Mit den anderen meint der Jugendliche die Deutschen, die vom Jobcenter leben: „Die können nicht verstehen, warum die Flüchtlinge alles bekommen und sie nichts.“

Wer im Wollepark nach Deutschen sucht, findet vor allem Spätaussiedler, die der frühere Bundeskanzler Helmut Kohl ins Land gelassen hat. Menschen wie Elisabeth Moos, die vor 24 Jahren aus Kasachstan kam und heute Bewohnervertreterin im Viertel ist. Sie ärgert sich darüber, dass „die Neuen“ den Müll einfach im Treppenhaus liegen lassen oder gar aus dem Fenster werfen. Man müsse die Wäsche auf dem Balkon inzwischen mit Sonnenschirmen ­davor schützen, sagt sie ohne jeden Witz. Manchmal rieche es im Treppenhaus sogar nach Urin, weil verstörte Kinder aus Kriegsgebieten immer noch nicht gelernt hätten, zur Toilette zu gehen. „Das ist schlimm“, meint die 58-Jährige. „Sehr schlimm.“

„Kein Wunder, dass die Leute AfD wählen“

Der Hausmeister in Block 14 ist Serbe, ein bulliger Typ mit einer sympathischen Zahnlücke. Dragon Milojevic ist nicht gut auf die neuen Mieter zu sprechen: „Die, die 2015 gekommen sind, das waren wirklich Kriegsflüchtlinge. Die, die heute kommen, wollen nur Geld.“ Wenn er in Deutschland wählen dürfte, würde er die AfD wählen, gibt er unumwunden zu. Da kann er die Deutschen gut verstehen. Knapp 25 Prozent für die AfD in seinem Quartier, das wundert den Herrn über 680 Wohnungen nicht. Nicht selten lebten acht Personen hinter einer Tür. „Familiennachzug. Da muss ich dann einschreiten.“

Eine kleine, alte Frau nähert sich der Unterhaltung im Treppenhaus. Die 79-Jährige ist Wolgadeutsche. Ihre Familie sei von den Russen zuerst nach Sibirien verschleppt und dann nach Kirgisistan umgesiedelt worden. „Wir waren so froh, als wir 1994 nach Deutschland kommen durften“, erzählt Mena Färlä. Sie habe hart arbeiten müssen, sagt die Rentnerin. Heute müssten ihre Kinder hart arbeiten. Die neuen Flüchtlinge aber bekämen Geld und Wohnung geschenkt. „Das ist ungerecht“, findet sie und das habe die CDU zu verantworten. „Kein Wunder“, meint sie, „dass die Leute AfD wählen.“

Eine Straße weiter lehnt sich eine ältere Dame im Erdgeschoss zum Fenster hinaus. Der weiße Holzrahmen ist abgeblättert, das Holz darunter so grau wie das Haar der 71-Jährigen, die ihren Namen nicht nennen mag. „Ich habe Angst“, sagt sie – Angst davor, dass ihr die Wohnung gekündigt wird, und davor, dass noch mehr Flüchtlinge kommen. „Ich habe AfD gewählt“, bekennt sie, „weil die anderen Parteien nichts gemacht haben, und die AfD viel versprochen hat.“ Früher, sagt sie, habe sie SPD gewählt, weil die sich um die kleinen Leute gekümmert hätten. „Uns hat man dann vergessen“, sagt die Rentnerin, die ihre Zwei-Zimmer-Wohnung seit der letzten Mietererhöhung kaum noch bezahlen kann.

Wollepark soll sich verändern

Der Oberbürgermeister kennt den sozialen Brennpunkt. Axel Jahnz will das Ergebnis der AfD in Delmenhorst nicht überbewerten. 10,5 Prozent hat die Partei bei der Landtagswahl geholt und damit 4,7 Prozent weniger als bei der Kommunalwahl 2016. Vor allem die CDU habe an die AfD verloren, sagt der SPD-Politiker. Dass die AfD im Wollepark stark ist, erklärt er sich mit der Gettoisierung des Viertels. „Da hat man viel zu lange weggesehen.“ Jahnz steht für Veränderung: Die ersten Wohnblocks sind abgerissen, ein neues Sportzentrum ist geplant. Dafür will er die Integrationshilfe vom Land nutzen. Zwei Millionen Euro soll die Stadt bekommen, die nach Salzgitter die meisten Flüchtlinge in Niedersachsen aufgenommen hat. In Salzgitter gilt inzwischen ein Zuzugsstopp. Delmenhorst hat auch eine, wie Jahnz sagt, „Atempause“ beantragt. Der Zuzugsstopp habe nichts mit Ausländerfeindlichkeit zu tun, betont er, „aber wir müssen Integration auch leisten können.“

Mit dieser Einschätzung ist das Stadtoberhaupt gar nicht soweit von dem entfernt, was der AfD-Vorsitzende in Delmenhorst, Jürgen Kühl, für seine Partei beansprucht. Auch er ist für einen Zuzugsstopp, auch er will im Wollepark etwas bewirken. „Wir nehmen die Sorgen der Menschen ernst und halten nichts von leeren Versprechungen“, betont der Ratsherr, der auch für den Landtag kandidierte. Die Menschen im Quartier jedenfalls wollen nicht länger warten, dass sich ihre Wohnsituation verbessert. So meint die alte Dame aus dem Erdgeschoss, dass sie schon jetzt – zwei Wochen nach der Wahl – nicht mehr an die Versprechungen der AfD glaube. „Es war ein Fehler, die zu wählen“, sagt sie und schließt das Fenster.

Quelle: weser-kurier.de


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