„Rechte Signale – Spurensuche in Bremen-Nord“

kopiert aus dem Weser Kurier

Wie ein Kampf um die Stadt mutet es an, wenn Linke Aufkleber der Rechten abreißen und umgekehrt. In Bremen-Nord liefern sich die Gruppierungen jede Menge Scheingefechte.


Ein Graffiti mit der Aufschrift: „FU“ am Eingang Farge, den 9ten Januar 2018. FU oder auch Farge Ultras ist ein mittlerweile verbotener rechter Hooligan Club in Bremen Nord.

In Bremen-Nord befinden sich links- und rechtsmotivierte Gruppen im andauernden Wettstreit: Wenn die eine Gruppe am Bahnhof Aumund Sticker des bereits verbotenen Fußball-Fanklubs Farge Ultras oder einer Neonazi-Band hinterlässt, reißt die andere diese wieder ab oder klebt etwas anderes darüber. „Es ist wie ein Kampf zwischen den Gruppen, darum, wer die Meinungshoheit hat, darum, wem die Stadt gehört“, meint Karl Brönnle, Sprecher der Nordbremer Linken.

Am Bunker Valentin war es so: Erst schmierte jemand „Stoppt den Schuldkult“ an die Mauer, dann hat ein anderer „Stoppt den Rechtskult“ drüber gepinselt. Die Debatte, die sich jetzt anschließt, ist der vorübergehende Höhepunkt einer seit Jahren andauernden Auseinandersetzung. „Es gab schon immer eine verfestigte rechte Szene im Stadtteil Blumenthal“, sagt Ortsamtsleiter Peter Nowack (SPD). Viele haben hier früher NPD gewählt, dann die Republikaner und auch der Wutbürger Fritjof Balz bekam viele Stimmen. Nowack sagt, dass er gerade darum gern eine Auseinandersetzung über die Schultkult-Sache geführt hätte. Aber jetzt, wo die rechtspopulistischen Schmierereien übersprüht worden seien, sei es zu spät: „Da kann ich keine Tendenz-Diskussion mehr führen.“

Der Umgang mit Schmierereien soll am 22. Januar Thema im öffentlichen Kulturausschuss des Beirates sein. Aber schon an diesem Montag erwartet der Ortsamtsleiter während der Beiratssitzung eine Links-Rechts-Debatte. Nowack macht sich auf Kritik von Friedensaktivisten um Gerd-Rolf Rosenberger gefasst, die kürzlich eigenmächtig zwei Wegeschilder zu Ehren der von Nazis ermordeten KPD-Widerstandskämpfer Leo Drabent und Hans Neumann in Blumenthal aufgestellt hatten. Nowack hatte sie aufgefordert, die Schilder abzubauen. Der Sprecherausschuss habe zwar besprochen, dass die Schilder nach Blumenthal gehören. „Aber erst müsste Gerd-Rolf Rosenberger die Schilder abnehmen, und das macht er nicht.“ Nowack ärgert das. Nicht jeder könne machen, was er wolle: „Wir leben ja nicht in einer Anarchie. Was würde diese Gruppe wohl sagen, wenn jemand ein Schild ‚Heinrich-Himmler-Weg‘ aufstellt?“

Gerd-Rolf Rosenberger wiederum sieht nicht ein, warum die SPD-Verwaltung auf einen Schilderabbau pocht, andersherum aber rechtsmotivierte Sachbeschädigung offenbar duldet. Friedensaktivist Rosenberger nennt das Beispiel Jenny-Ries-Platz. Das Schild, das an die jüdische Kauffrau Jenny Ries erinnert, die ein Kaufhaus an der Lüssumer Straße 1 führte und 1942 im Vernichtungslager Treblinka ermordet wurde, wurde schon vor mehreren Wochen mit schwarzer Farbe besprüht.

„Das Gedenken an eine von den Nazis ermordete Jüdin zu zerstören, heißt auch, den Holocaust aus dem politischen Bewusstsein heute löschen zu wollen. Das ist eine gefährliche Entwicklung“, findet auch Kyra Behrje, Gründungsmitglied des Vegesacker Katzensprungs, einem Treffpunkt für Menschen, die sich gegen rechts engagieren. Kyra Behrje hat einen Trend ausgemacht: „Rechte Bewegungen sind im Allgemeinen präsenter geworden. Aber Bremen-Nord hat durch das langjährige Fehlen von Gegenstrukturen und soziale Vernachlässigung große Probleme bekommen. Hier konnten die Rechten effizienter Fuß fassen.“

Rechte Symbole im öffentlichen Raum seien das eine. „Das andere sind Hetze und Hassbotschaften im Internet“, sagt Kyra Behrje. Ende vergangenen Jahres soll es nahe des Polizeireviers in Lesum sogar zu einem tätlichen Übergriff von Rechten gekommen sein. Dem Katzensprung wurde ein Vorfall aus September gemeldet: Ein junger Mann mit Migrationshintergrund sei brutal von vier Männern zusammengeschlagen worden. Er habe einen doppelten Kieferbruch erlitten und Anzeige erstattet. Die Polizei hat wegen Körperverletzung ermittelt, von einem politischen Hintergrund der Tat weiß der Sprecher der Polizei aber nichts.

Zurück zum Jenny-Ries-Platz in Blumenthal. Der Ortsamtschef hat ein neues Schild bestellt. Die Anfertigung dauere eben, sagt er. Und gegen die Neonazi-Schmierereien auf einem Gebäude am Jenny-Ries-Platz, auf dem Privatgelände der Farge-Vegesacker-Eisenbahn, wird inzwischen ebenfalls etwas unternommen. „Der Ständer bleibt Ständer“ haben Unbekannte dort an die Wand geschrieben. Der Satz bezieht sich auf den Jenny-Ries-Platz, der früher nach dem Gasthaus Ständer genannt wurde.

Viele Menschen, davon ist Karl Brönnle von der Linkspartei überzeugt, hätten nicht gewusst, dass sich Heinrich Ständer junior in der NSDAP engagiert hat. „Ich habe das bei der Einweihung des Jenny-Ries-Platzes festgestellt. Da meinte eine alte Dame, warum immer alles neu gemacht werden müsse. Der Ständer könne doch Ständer bleiben.“ Die Nordbremer Bürgerschaftsabgeordnete Maike Schaefer (Grüne) hat das Eisenbahn-Unternehmen bekanntlich inzwischen aufgefordert, sich klar von dem Bezug auf einen Nazi zu distanzieren und die Parole zu entfernen.

Laut Karl Brönnle gibt es weitere Hinweise auf rechte Umtriebe. Es sind Symbole, die nur Eingeweihte erkennen: „Auf der Stadtautobahn Richtung Farge steht an einem Brückenpfeiler in Höhe der Gösper Straße FU 06“, berichtet er. FU, sagt Brönnle, stehe für die Farger Ultras, die sich 2006 gegründet hätten. Eigentlich dürfte es den Fußballfanklub nicht mehr geben. Die Behörden hatten dem Traditionsverein TSV Farge-Rekum 2014 angedroht, die Sportfördermittel zu streichen, falls er sich nicht von seinem Fanklub löse. Der Verfassungsschutz hatte festgestellt, dass sich in dem Klub rechtsextreme Mitglieder tummelten. Heute, mehr als drei Jahre später, sagt Nicolai Roth, Leiter des Senatorenbüros für Inneres: „Die Farger Ultras mögen formal ihre Auflösung erklärt haben, tatsächlich sind bei Spielen des Vereins aber die entsprechenden Protagonisten anzutreffen. Auch bestehen nach wie vor Verbindungen zur rechtsextremistisch beeinflussten Hooligan-Szene. In diesem Rahmen werden die FU vom Verfassungsschutz beobachtet.“

Vor allen an Laternen nahe des Vereinsheims des TSV in Farge sind FU-Aufkleber zu finden. Aber auch Sticker des Dritten Wegs, einer rechtsextremistisch-neonazistischen Kleinpartei sowie der Musikband Kategorie C – Hungrige Wölfe. Die Bremer Gruppe wird der rechtsextremistischen Hooligan-Szene zugeordnet.

Am Begrenzungszaun zur Bahnlinie nahe des Bahnhofs Aumund lieferten sich Rechte und Linke in der wärmeren Jahreszeit einen regelrechten Aufkleber-Wettlauf, hat Maja Tegeler von der Linkspartei beobachtet. Aufkleber der Gegenseite würden sofort wieder abgerissen oder überklebt.

Die Linken und die Rechten im Bremer Norden belauern sich. Die stellvertretende Sprecherin der Nordbremer Linkspartei ist überzeugt, dass in den Stadtteilen im Norden der Hansestadt eine Sondersituation vorherrscht: „Wegen der Schnittstelle zwischen der AFD-Jugend und der Identitären Bewegung.“ Die Ortsgruppe der Linkspartei erwartet, dass die Rechten im Norden künftig noch aktiver werden. „Die wollen in die Bürgerschaft“, sagt Maja Tegeler. „Die versuchen hier etwas aufzubauen.“ Vielen bereite dieses Sorge. Aber Maja Tegeler ist überzeugt, dass solche Entwicklungen auch viele Menschen in Bremen-Nord zusammenschweiße. 2007 habe es schon mal eine Demo gegen Rechts in Vegesack gegeben. „Schöner leben ohne Nazis“, stand auf einem der Transparente.

Quelle: Weser Kurier